Nachdenken über den Krieg und die Utopie des Friedens
Ich gehöre zu den Geburtsjahrgängen der 50er-Jahre, die die Abgründe der Kriege über das Schweigen und Reden ihrer Großeltern und Eltern durchaus an Körper, Geist und Psyche zu spüren bekamen. So waren die Fünfziger für uns Kinder auf der einen Seite bleierne Zeit, andererseits spielten wir bereits auf jenem frisch-grünen Gras, das über vieles gewachsen war. Doch die Gräuel des Faschismus brachen immer wieder hervor in der Nachkriegszeit, im Kalten Krieg, beim Eichmann-Prozess oder wurden von der APO zur Sprache gebracht.

Und doch muss ich feststellen, dass wir auch Kriegs- und Krisengewinnler waren und sind. Bald zähle ich sechzig Jahre und musste keinen Krieg am eigenen Leibe miterleben. Das ist ein großes Geschenk, doch geht dieses Privileg auf Kosten derer, in deren Regionen und zu deren Lasten in Deutschland obszöne Gewinne verbucht werden und ein historisch neuer Demokratie- und Lebensstandard sich lange hielt. Ein Leben sozusagen im Windschatten der globalen Krisen- und Kriegsstürme.

Doch dies alles hat sich seit dem Fall des Sozialismus verändert. Vollends entfesselter Kapitalismus verwüstet global Mensch und Welt und die Zentren der Geldmärkte sind davon nicht länger ausgenommen. Deutschland ist auf vielerlei Weise in Kriege verwickelt: in die Warenkriege auf Kosten der Dritten Welt, in antisoziale Spekulanten-Feldzüge gegen ganze Volkswirtschaften, in die Interventionen beim Kampf um Menschenrechte anderswo, in Bürgerkriege und Waffengeschäfte überall. Diese Kriegsbeteiligung hat ihre Kehrseite im Scheinfrieden zwischen Flensburg und Bodensee: Gigantische Umverteilungen finanzieller Ressourcen haben aus dem schlanken Staat zuletzt ein hilfloses Gemeinwesen gemacht, dem die Ausgaben auch über die Politikerköpfe wuchsen, weil es an Einnahmen fehlt. Es scheint, als ob sich die Profiteure und Mitläufer des großen Geldes endgültig aus der Förderung des Gemeinwesens verabschiedet haben. Nur eitle Charity tut noch so, als ob sie Solidarität wäre.

Jeder Krieg anderswo wird auch ›zu Hause‹ bezahlt: mit traumatisierten Soldaten, zerstörten Familien, verdrängter Geschichte, manipulierter Information, dem Abbau von Bürger- und Freiheitsrechten, der Zerstörung sozialer, kultureller Standards, der finanziellen Verödung des Bildungswesens. Unsere Reihe »Kriegsbefangen. Literatur und die Gegenwart des Krieges« kann nur einige Aspekte dieser komplexen Zusammenhänge beleuchten. Und »wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«? Hoffnung darauf wecken viele Gäste, vor allem Ingo Schulze und Oskar Negt, wenn sie gegen die sog. gelenkte »marktkonforme Demokratie« setzen, dass nur noch Utopien realistisch sind und ein gerechtes Gemeinwesen Europa die Voraussetzung ist für Frieden nicht nur bei uns.

Gerd Herholz

 

 

Gerd Herholz
Gerd Herholz